Die Philosophie macht es aus.

Als meine Schwester klein war und, zum Beispiel in der Schule, ein unangenehmes Erlebnis hatte, wurde sie sehr traurig und ich als ältere Schwester versuchte, sie zu trösten. Einmal passierte ihr etwas, was man nicht ändern konnte und sie tat mir sehr leid. Also erzählte ich ihr die Geschichte eines taoistischen Philosophen, Lao Tse, in der dieser von einem weisen Mann berichtet, dem sein Pferd abhanden gekommen war, und den alle Leute damit trösteten, dass sie zu ihm sagten: “Was für ein Pech !”
Der weise Mann aber lachte und sagte: “Wer weiss wofür es gut ist ….?”

blog-20161210-3Die Moral dieser Geschichte ist, dass wir Dinge, die uns zustossen, nie als Glück oder Pech einordnen sollten, weil wir nie wissen, was aus ihnen in Zukunft folgt. Es ist die philosophische Einstellung “es ist nun mal so” in äusserster Konsequenz, sie bedeutet nicht nur Resignation, sondern auch Hoffnung und Freude auf das Kommende.

Das Jahr 2016, das nun bald zu Ende geht, hat für die Herberge CYD Santa Maria und auch für meine Schwester und mich persönlich Schlimmes gebracht, den Verlust von geliebten Wesen, auch Krankheiten. Wenn ich Lao Tse wäre, würde ich mich sehr auf die bis zum Jahresende fehlende Zeit und das, was sie uns bringen wird, freuen, denn was soll uns nach all dem denn noch passieren ? Ich kann aber leider aus meiner Haut nicht heraus und habe nur panische Angst. Ich glaube aber, dieses Jahr hat bewiesen, dass ich meiner Schwester damals das Richtige gesagt habe und hoffe, dass sich auch meine Leser davon überzeugen lassen.

blog-20161210-7Málaga hat, wie wir wissen, in diesem Monat sehr unter den starken Regen gelitten. Ich möchte von hier aus allen Tieren, Pflanzen und Menschen, die Schaden davongetragen haben, unsere Verbundenheit bezeugen und hoffe, dass ihnen in gleichem Masse Hilfe zuteil geworden ist wie uns.

Unsere Herberge wurde in der Nacht des Freitag, 2.12.2016 total überschwemmt, und die Zufahrtswege zu uns und unseren Nachbarn wurden unpassierbar. Wir waren von jeder Hilfe abgeschnitten – einige Freiwillige hatten sie uns angeboten – und meine Schwester Virginia, David, unser Pfleger, und ich waren die einzigen Anwesenden. Die Feuerwehr tat sofort ihr Möglichstes, um die Wege zu unseren und den Nachbarhäusern wieder passierbar zu machen, und einige Mitglieder von SEPRONA (Naturschutzdienst der Guardia Civil von Málaga) boten sogar auf persönlicher Basis an, uns, falls eine extreme Situation einträte, einen Hubschrauber zu schicken – es war ihnen bekannt, dass unsere betagten Eltern bei uns wohnen, und dass es fast unmöglich sein würde, die fast zweihundert Tiere, die hier in der Herberge leben, zu retten.

blog-20161210-6Doch meine Schwester und ich – eher Menschen der Taten als der Klagen – machten uns, in der Überzeugung, dass uns so bald niemand würde helfen können, zusammen mit David an die Arbeit. Die Tiere allein zurückzulassen war keine Option. Gottseidank hatten wir die Tiere nie in geschlossene Ställe gesteckt, so dass sich diese, begünstigt durch die Neigung des Geländes, selbst in die höher gelegenen Stellen der Herberge retten und wir uns um die Pferde, insbesondere die kranken und schwächsten, kümmern konnten.

Wir arbeiteten ununterbrochen vom frühen Morgen des Freitag bis zum Sonntag, die ganze Zeit in strömendem Regen. Der Regen zerstörte das gesamte Rauhfutter für den nächsten Monat und das Trockenfutter der Pferde. Zäune wurde weggerissen, Bäume fielen um. Die Boxen, das Strohlager, das Trockenfutterlager, der Kranken-Behandlungsstand und die Apotheke wurden überschwemmt, die elektrischen Leitungen und die Leitungsrohre lagen unter Wasser. Wir konnten nichts dagegen tun, unsere Priorität war, die Pferde und den Rest der Tiere in Sicherheit zu bringen. So weit wir konnten, gruben wir Abflusskanäle, um das Wasser abzuleiten, eine schwere Arbeit in unserem tonhaltigen, glitschigen Gelände.

Dann aber bewies die taoistische Philosophie ihre Gültigkeit.
Als wir am Sonntag nach der Schufterei, während der wir kaum Kontakt nach aussen hatten, in unsere Häuser kamen, waren wir überwältigt zu sehen, wie viele uns zum Teil ganz unb blog-20161210-8ekannte Personen, Tierschützer, Freunde, Freiwillige, sich anboten, uns zu Hilfe zu kommen. Es ist schwer, auszudrücken, was wir in diesem Moment empfanden !

Es hatte sich ein Heer von 60 Freiwilligen gebildet, das am Dienstag, 6.12., wie von Gott gesandt erschien und die Herberge in einem einzigen Tag in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzte. Jedes einzelne Tier hatte abends sein frisches, trockenes Lager und alle Durchgangswege und -Plätze waren frei von Schlamm. In dieser magischen Nacht konnten sich die erschöpften Pferde mit ihren alten Knochen zum ersten Mal in fünf Tagen hinlegen. Diesen Schlaf zu beobachten war für meine Schwester und für mich fast so erholsam wie der Schlaf selbst für die schlummernden Tiere.

blog-20161210-5Dabei aber blieb es nicht. Als die Strassen wieder durchlässig waren, kamen Dutzende Menschen mit Putzmaterial, Decken für die Hunde und Katzen, Fressnäpfen und vielem mehr zur Herberge, eine Erlösung für uns, denn unser Material war ja völlig durchnässt. Und mehr noch: die Leute verbündeten sich über die sozialen Netzwerke und spendeten Geld, um das verlorene Stroh und Heu zu ersetzen. Wir hatten uns die vergangenen Tage schon vorgestellt, wie unsere Lieferanten reagieren würden, wenn wir sie dringend um Stroh und Futter für unsere Pferde bitten würden, aber dazu sagen müssten, wir hätten kein Geld, dafür zu bezahlen. Diese Krise ging noch weit über die Finanzmisere der letzten Jahre hinaus. Am Mittwoch, 7.12., hatte wir noch genau 6 Ballen Stroh und um die 20 Ballen Heu, die wir retten konnten, gerade genug für eineinhalb Tage. Und unser Bankkonto reichte gerade dazu, die laufenden Schulden abzudecken, von den langfristigen Schulden zu schweigen.
Am Donnerstag, 8.12. holte ich mit dem Wagen einige Ballen Stroh und Heu von befreundeten Pferdehaltern, um die Situation von einem Tag zum anderen zu bewältigen, ansonsten konnten wir nur noch beten.

Doch dann erfuhren wir über unsere Tierärztin Aida, dass das Colegio Oficial de Veterinarios de Málaga uns einen Lastwagen Heu gespendet und dass mehr blog-20161210-4ere Personen sich mit unseren Lieferanten in Verbindung gesetzt hatten. Es gingen Geldbeträge auf unserem Konto ein, doch war unklar, ob es für einen Lkw Stroh für alle unsere Tiere reichen würde. Ausserdem waren die Strassen immer noch unpassierbar und sogar heute, am 10.12., ist es unmöglich, mit einem grossen Lkw die Herberge zu erreichen.

Aber plötzlich, am Freitag, 9.12., tauchte vor unseren erstaunten Augen ein kleiner Lieferwagen unseres Lieferanten mit 70 Ballen auf, gespendet von einer Freundin der Herberge. Wenn meine Rückenwirbel reden könnten, hätten sie ein Freudenfest arrangiert, das versichere ich Euch !
Unser Lieferant brachte nich blog-20161210-2t nur das Futter, sondern auch die Nachricht, dass auf seinem Konto weiteres Geld von vielen ihm unbekannten Menschen eingegangen sei, ausdrücklich bestimmt für unsere Herberge für misshandelte und ausgesetzte Pferde. Mit diesem Geld konnten wir also das Futter und das Lagerstroh bezahlen, das bei uns eintreffen würde, wenn die Wege wieder passierbar wären und damit war es möglich, die Rückzahlung des uns zugestandenen Kredits ins nächste Jahr zu verschieben.

Meine Schwester und ich konnten es nicht glauben ! Wir hatten von diesen vielen Spendern überhaupt nichts gewusst. In den Tagen bis heute haben wir versucht, ihnen allen zu danken, haben aber  wegen unserer Erschöpfung und dem Mangel an Zeit bestimmt viele von ihnen nicht erreicht.

blog-20161210-1Gestern war ich in einem Laden, um mit einer abgezählten Summe Geldes etwas Futter für Frettchen, Medikamente für Pferde und Katzen und für ein paar Sack Trockenfutter für die Gruppen von Hunden und Katzen ausserhalb der Herberge, die wir versorgen, zu kaufen. Als ich der Dame, die mich bediente, den Kaufbetrag übergeben wollte, gab sie mir zwei Küsse und sagte, ich solle schnell gehen, denn ich hätte viel zu tun und sie würde den Betrag aus ihrer Tasche bezahlen. Ich war so überwältigt, dass ich mit den Sachen stumm den Laden verliess. Erst im Auto kam ich zu mir und rief meine Schwester an, damit diese sich für mich bedankte. Ich hoffe, ich kann mich bald bei dieser Wohltäterin entschuldigen, selten habe ich mich so vor den Kopf geschlagen gefühlt.

Mit diesen Zeilen wollen wir uns bei all den Menschen bedanken und sie segnen. Das sage ich nicht nur so dahin, glaubt mir !

Und gestern Abend, als ich nach mehr als einer Woche endlich in meinem Kopfkissen versank, wurde mir klar, dass diese schreckliche Überschwemmung eigentlich das beste war, was uns in diesem Jahr widerfahren ist. Die Geschichte von Lao Tse ist wahr geworden. Ereignisse im Leben sind gut oder schlecht, je nachdem, wie man sie interpretiert. Nach einem Jahr, in dem wir geliebte Wesen verloren, Krankheiten durchlitten und böse Menschen wegen ihrer Untaten angezeigt, in dem wir unter Schulden geächzt und fast den Lebensmut verloren haben, sind unsere Herzen voll des Dankes, unser Bewusstsein voll der Hoffnung und unsere Seelen sind voll der Ruhe.
Wir sind nicht allein, unsere Tiere auch nicht. Und das Leben kommt einem lebenswerter vor.

Dank an alle, die uns geholfen haben, Dank nicht nur für das Futter, die Reparaturen, das Nachtlager unserer Tiere, sondern vor allem dafür, dass Ihr meiner Schwester und mir das Lächeln und die Hoffnung wiedergegeben habt.

Danke, Freunde !

concordia cyd