Dummheit ohne Grenzen

Heute, am 7. September 2017, musste ich zum Arzt zur Revision. Ich hatte vor einiger Zeit meine Hand bei einer Tätigkeit verletzt, für die ich offensichtlich nicht qualifiziert war, und sie war geklammert worden.
Ich fuhr in Begleitung meiner Mutter und meiner Schwester in die Klinik, hatte mich fein gemacht, mit einem lachhaft schönen Kleid comme il faut, in dem ich nicht wie ein Cowgirl aussehIMG-20170907-WA0004e, mit eleganten passenden rosa Sandalen. Ich kam mir vor wie eine Prinzessin, ohne die üblichen Spuren von Blut, Tränen und anderen Substanzen auf meinen Kleidern. Meine Schwester und ich waren froh, dass wir mal rauskamen, wenn auch nur zum Krankenhaus. Nach der Sprechstunde waren wir auf dem Weg nach Hause.
Seit langer Zeit schon meide ich den Blick auf die Strassenränder mit toten oder verlassenen Tieren, auf die Lastwagen mit Ferkeln voll Antibiotika, Anabolika und Enzymen, oder auf leidende Tiere – für all das gelten offensichtlich keine Gesetze.
Es ist aber schwer, einen armen Esel zu übersehen, der auf der anderen Seite der Autobahn MA357 panisch in Gegenrichtung rennt und auf den eingeschlagen wird. Das Gehirn fängt automatisch an zu arbeiten und setzt das Rettungsprotokoll in Gang: Anruf bei 112 mit der Bitte um Entsendung eines Streifenwagens zu meiner und meiner Schwester Unterstützung, dann Vollgas bis zur nächsten Abfahrt und Rückkehr zum Ort des Geschehens. Gott sei Dank, dass es nur Sekunden dauerte, bis der erste Streifenwagen der Strassenpolizei auftauchte, und dass meine Schwester und ich uns mit der Körpersprache von Equiden auskennen, denn sonst hätte alles noch viel schlimmer geendet. Wir kamen zwar zu spät, um den ersten Unfall zu verhindern, doch konnten wir das Tier mit unseren Manövern auf den Seitenstreifen abdrängen und es so in Sicherheit bringen. Eine schwierigere Aufgabe war es, dem erschrockenen, durstigen und unter Schmerzen leidenden Tier das Halfter mit dem Führstrick, das ich immer im Auto dabei habe, anzulegen. Das Tier versteht nicht, dass sein Besitzer einer der vielen Vollidioten, wie ich meine, ist, die unser für Stierkampf und anderen Unsinn begeistertes Spanien bevölkern.
Der zweite Streifenwagen kam an, dann der dritte, und später ein vierter, doch die einzigen, die hinter dem Tier her rannten und es anzuhalten versuchten, waren meine Schwester, ich, und meine siebzigjährige Mutter, die sich dem Esel entgegenstellte. Unser Ziel war, das Tier von der Fahrbahn fernzuhalten, damit es nicht noch zu weiteren Unfällen kam. Wir schimpften unsere Mutter aus, weil sie zu viel riskierte, aber in Wahrheit war sie es, die es unsere Gesten nachahmend schaffte, das Tier auf dem Randstreifen zu halten.
Man kann wohl kaum verlangen, dass die Strassenpolizei mit Tieren umzugehen versteht, aber es ist zweifellos fatal, dass es für den ganzen Bezirk Guadalhorce nur zwei Polizeibeamte des Naturschutzdienstes gibt. Wie sehnte ich mich nach den Beamten, mit denen ich sonst arbeite …  Schliesslich fasste sich einer der Strassenpolizisten ein Herz und half mir, das Tier anzuhalten, bevor es wieder auf die Fahrbahn lief. Dieser Mann befolgte genau meine Anweisungen und mit seiner Hilfe konnte ich mich schliesslich nähern. Das Zaumzeug stank und war kaputt, doch um das Tier nicht noch weiter zu beunruhigen, hakte ich meinen Führstrick in sein Halfter ein. IMG-20170907-WA0003
Als der Polizeibeamte und ich das Tier unter Kontrolle hatten – meine Schwester stand dicht neben uns für den Fall, dass es wieder ausbrechen sollte – hörten wir Bremsen quietschen, es ging alles sehr schnell, es gab einen Riesenschlag… Der einzige, der korrekt reagierte, war der Esel, der Beamte und ich dagegen waren wie hypnotisiert vom Zusammenstoss zweier Autos weniger als einen Meter von uns entfernt.
Während wir uns überlegten, in welche Richtung die Wagen nun rutschen würden, hatte der Esel, schlauer als wir, mit einem Ruck den armen Beamten und mich mitgerissen. Beim Fallen ging die reparierte Hand wieder auf, mein Prinzessinnenkleid flog mir über den Kopf und ich knickte mir in meinen schönen rosa Sandalen den Fuss um – die Heilung wird eine Weile dauern. Das Komischste war – falls es in so einer Situation etwas Komisches gibt – , dass wir beide in einem Anfall von „Gehirnepilepsie“ anfingen, gegen den Fahrer des auffahrenden Autos zu wettern, wo es doch er war, der Hilfe brauchte. Er hörte uns verblüfft schreien: „Verdammt, ausgerechnet jetzt, wo wir den Esel erwischt hatten …“, „Jetzt ist alles im Arsch…“, „Ich scheiss auf Deine Hurenmutter …“, und gab mit einer Kopfbewegung zu erkennen, dass er sehr bedaure, einen Unfall gehabt zu haben, dessentwegen uns der Esel wieder entwischt sei.
Bitte zeigt diesen Blog möglichst vielen Leuten, es könnte sein, dass der arme Mann ihn liest. Sein Unfall war der zweite in der Kette und passierte gegen sechs Uhr nachmittags, er wird sich erinnern, wie ich ihn mit dem Kleid auf dem Kopf zusammen mit dem Beamten angeschrieen hatte. Ich heisse Concordia Márquez und bitte ihn, wenn er will, auf Knien um Verzeihung. Meine Reaktion tut mir sehr leid und ich hoffe sehr, dass es dem Fahrer gut geht und er sein Auto reparieren konnte. Die Strassenpolizei hat den Besitzer des Esels identifiziert, wenn der Fahrer die Reparaturkosten ersetzt haben will, soll er sich mit der Polizei in Verbindung setzen. Ich bin Zeuge, dass er keine Schuld hatte und dass überdies ein weiterer Wagen auf den seinigen aufgefahren ist.
Bitte, lieber Mann, wer Du auch seist, verzeih mir !
Ich blieb nicht bei der Karambolage, sondern rannte hinter dem Esel her, um zu verhindern, dass er wieder auf die Fahrbahn lief. Nach 800 Metern sah ich plötzlich meine arme Mutter, wie sie versuchte, den durchgegangenen Esel aufzuhalten: wie ein Expertin breitete sie die Arme aus und blieb ruhig stehen, redete dabei sanft auf das Tier ein. Meine Schwester und ich, starr vor Schreck, versuchten es einzukreisen, konnte doch unsere Mutter in Gefahr geraten. Ich band mir mein Kleid um die Hüften und sprang über die Leitplanke auf die Fahrbahn, um meiner Schwester mehr Raum zu lassen. Die vorbeifahrenden Leute flippten wahrscheinlich aus und ich fragte mich, warum ich mir dieses Zeugs angezogen hatte.
Wir streichelten den erschöpften Esel, und er liess schliesslich angesichts der imposanten Statur des hilfreichen Polizeibeamten zu, dass wir ihm den Strick wieder anlegten.IMG-20170907-WA0001
Doch mussten wir den nervösen und verängstigten Esel nun noch bei fliessendem Verkehr auf der Autobahn 500 Meter bis zu einer Tankstelle führen. Dank Gott und den Engeln, die uns immer begleiten, – und dank der Mitarbeit des Esels – kamen wir unbeschädigt, aber schweissüberströmt bei der Tankstelle an.
Wir riefen Vera, unsere unschätzbare und tatkräftige Freundin, an, sie alarmierte Germán, den Pferdespediteur, der uns noch nie im Stich gelassen hat. Der kam so schnell wie er konnte, angefahren, als plötzlich ein Herr (ich spare mir eine nähere Beschreibung) auftauchte, der dreist wie eine Knoblauchzehe sagte, dies sei sein Esel und den nähme er mit. Er hatte eine dünne Schnur in der Hand, von der Art, mit denen man Strohballen zusammenbindet, und behauptete, jemand müsse seinen Esel losgebunden haben… und das war’s.
Der Mann nahm ohne Zögern seinen Esel und sagte auf meine Frage nach seiner Betriebs-Nummer, an die erinnere er sich nicht, keine Ahnung hätte er.
Die Strassenpolizei nahm seine Daten auf und er lief zufrieden mit seinem Esel in Richtung Heimat, unter der Autobahn durch, auf einer Strasse mit regem Verkehr. Unser Spediteur war inzwischen nur noch weniger als einen Kilometer von uns entfernt, doch der Eselbesitzer sagte, den wolle er nicht, er ginge zu Fuss – die Polizei sagte nur: „Pues, vale…!“
Meine Schwester und ich, hechelnd, halb nackt und schweissüberströmt, ich mit einer blutigen Hand und dem vom steinigen Boden zerrissenen Kleid, blieben nach fast zwei Stunden, in denen wir auf der Jagd nach dem Esel unser Leben riskiert hatten, zurück mit Gesichtern wie Tölpel. Wenn wir die ins Netz gestellt hätten, wären wir rasend schnell bekannt geworden.
Der Eselbesitzer machte sich ohne Dank aus dem Staub. Aus Rache schnauzte ich ihn im letzten Moment an, der Führstrick sei meiner, er könne das Tier ja mit den wenigen Haaren anbinden, die er noch auf dem Kopf hätte, ich nähme meinen Strick mit (Ihr hättet mein teuflisches und sein angewidertes Gesicht sehen sollen !), und nahm ihn ihm ab.
In den letzten Jahren haben wir bei CYD schon mehr Halfter verloren als wir Pferde in unserer Herberge haben. Die Engländer sagen: „No hoof, no horse“, bei uns heisst es: „Schlechter Besitzer, kein Halfter !“
Die Strassenpolizei hat ihre Erhebungen abgeschlossen. Ich empfehle den drei oder vier Autofahrern, die in diesen Fall verwickelt sind, sich so bald wie möglich mit der Polizei in Verbindung zu setzen. Die Tierliebhaber, die diesen Blog lesen, können beruhigt sein. Ich werde von mir aus Anzeige erstatten, nicht nur wegen meiner Hand, meinem Hintern und meinem Kleid (dem einzigen, das ich hatte), sondern damit SEPRONA sich die Stallungen dieses Menschen ansieht und wie es den anderen Tieren dieses Individuums geht – solche Typen der Gattung Mensch haben nach meiner Erfahrung nicht nur ein Tier.
Aber da waren noch die Transportkosten. Gottseidank verzichtete Germán, der Spediteur, als er hörte, was alles passiert war, auf eine Bezahlung. Germán – vielen, vielen Dank ! Bei jemand anderem wären die Transportkosten an uns hängengeblieben (wie es schon mehrfach passiert ist), obwohl wir freiwillig geholfen, unser Leben riskiert und nicht nur das Leben des Tieres, sondern möglicherweise Menschenleben gerettet hatten.

Wie die Überschrift andeutet:
gegen Dummheit und Unverfrorenheit gibt es in Spanien kein Gesetz.

concordia cyd