Ich verstehe es nicht … und freue mich !

Es gibt Leute, die ich nicht verstehe, so sehr ich versuche, mich in sie hineinzuversetzen. Es ist, als ob sie von einem anderen Stern seien und eine fremde Sprache sprächen. Es handelt sich um die Rückgabe von Tieren an uns im Laufe der letzten Jahre. Sie hat uns in eine ausweglose wirtschaftliche Klemme gebracht und die Herberge in ein Altersheim verwandelt, das so voll ist, dass keine Seele mehr hineinpasst (was die Seelen anbetrifft, kein Problem, auch die der Tiere, die früher mal hier Station gemacht haben, sind noch da. Manchmal scheint es mir, als ob ich so noch röche, sähe und fühlte, sie wollen nicht weg … ich habe nichts dagegen!)

Fast alle Pferde in der Herberge sind Rückgaben durch ihre Adoptionsfamilien, nachdem diese sie jahrelang genutzt und sich an ihnen erfreut haben. Logischerweise waren sie zur Zeit ihrer Rückkehr zu uns so alt und/oder krank und in einem so schlechten Zustand, dass sie niemand mehr haben will. Diese Woche zum Beispiel bekommen wir eine Stute nach 6 Jahren zurück, vor kurzem waren es ein Pferd und Stuten nach 7 Jahren und – das ist der Gipfel – eine Adopteurin, die seit 6 Jahren eins unserer Pferde in Frankreich hat, erklärt uns, dass sie es nicht mehr halten kann, aber auch kein Geld hat, um es uns nach Spanien zurückzuschicken.

Und das lässt diese Leute völlig kalt !

In dieser Situation finde ich wenig Trost. Es gibt einen Satz aus der Bhagavad Gita, der „ältesten Bibel der Welt“, der lautet: „Gib Dich mir hin und spekuliere nicht auf den Erfolg Deiner Taten !“ Das ist der einzige Gedanke, der mir ein bisschen hilft und mich davor bewahrt, völlig verrückt zu werden. Meine Schwester und ich tun alles, was wir können, in guter Absicht und aus ganzem Herzen, aber manchmal vergessen wir, dass jedes Lebewesen sein Schicksal hat und dass wir nicht allen, die unseren Weg kreuzen, ihr Leiden abnehmen können. Wir schaffen es einfach nicht.

Wir haben auch eine Hündin zurückbekommen, einäugig und schwer krank. Fernando operiert sie gerade jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe. Warum haben wir sie zurückgekriegt ? Weil sie nicht stubenrein war! Luciano, verantwortlich für die Herberge, tut sein Möglichstes, die vielen Pferde so unterzubringen, dass sie sich kein Leid antun. Wieso kommen so viele Tiere zurück ? Ich begreife es nicht, so viel Sanskrit-Texte ich auch lese !

Manchmal frage ich mich: „Wäre ich fähig, ein Tier zurückzugeben, – nicht nach 7 Jahren, sondern schon nach einer Woche – , aus welchem Grund immer ?“ Ich stelle mir unzählige verschiedene Situationen und ihre möglichen Lösungen vor, und meine Antwort ist immer: Auf keinen Fall ! Warum ? Die vielfältigen Erklärungen der Besitzer über die Gründe für die Rückgabe ihrer Tiere sind alle unvereinbar mit dem Satz „Ich liebe sie“. Das ist es, nichts anderes.

Ich erinnere mich – mit ein bisschen Rührung -, wie ich vor vielen Jahren, ich war 16 Jahre alt, gerade einen nationalen Wettbewerb gewonnen hatte, mit meinem Pferd unterwegs war und merkte, dass es mit einem Vorderbein Schwierigkeiten hatte. Ich stieg ab und sagte ihm in meiner jugendlichen Unschuld: „Sei ruhig, ich laufe, wir kehren um !“ Das Tier sah mit mich einem seltsamen Ausdruck an und ich fing an zu lachen, denn ich war sicher, dass es mich verstanden hatte. Ich fuhr fort: „Sión, heute trägst Du mich auf Deinem Rücken, aber es wird der Tag kommen, an dem Du das nicht mehr kannst, dann werde ich eben neben Dir herlaufen. Und wenn der Tag kommt, dass Du gar nicht mehr laufen kannst, dann werde ich auf der Weide bei Dir bleiben und wir werden zusammen die Sonne geniessen. Und wenn Deine Stunde schlägt, Gott behüte Dich, werde ich Dich in meinen Armen halten, während ich, um Dir Leiden zu ersparen, den Veterinär anweise, Dich zu erlösen.“ Sión sah mich wieder an, mit einem anderen Gesichtsausdruck, und wir liefen zurück zum Stall. So war es, vor 32 Jahren.

In dieser Zeit habe ich, wie jedermann, viel erlebt: schlechte Momente, noch schlechtere, und ganz schreckliche, aber es wäre mir in keinem von ihnen eingefallen, mich von einem meiner Tiere zu trennen, nur der Tod hat sie mir entreissen können. Ganz genauso wie mich nur der Tod von meiner Mutter und meiner Schwester trennen könnte. Da gibt es keinen Unterschied, der Grund ist der gleiche, nämlich der, dass ich sie ganz einfach liebe.

Deswegen verstehe ich es nicht, wenn Tiere zurückgegeben werden. Es gibt immer eine Möglichkeit, wenn man sie echt liebt. Zu der Belastung durch den plötzlichen Anstieg der Kosten der Herberge, den wir, ohne dass ein Wunder geschieht, in diesem Jahr nicht werden bewältigen können, kommt der Gedanke, der mich am meisten niederdrückt: die Pferde wurden nicht geliebt.

Ich versuche, die Tränen zu unterdrücken und sage mir immer wieder:
„Gib Dich mir hin und spekuliere nicht auf den Erfolg Deiner Taten!“

 

concordia cyd