Pferdekutschen in den Städten

Dieser Blog ist, wie Euch bekannt, von mir geschrieben und spiegelt meine Ansichten wider. Diese beruhen auf persönlicher Erfahrung und manchmal simpler Logik. Ich möchte niemanden bevormunden und beanspruche nicht, dass alle Welt meiner Meinung ist. Aber eins ist sicher: bei bestimmten Fragen bin ich offen für den Dialog, bei anderen aber nicht, u.a. beim Thema Pferdekutschen in grossen Städten, sie gehören einfach nicht hier hin. Sie sind keine Attraktion für Touristen, wie manche glauben machen wollen, und sind auch keine Tradition.

Nach dem Buchstaben des Gesetzes sind Pferde in Städten sogar illegal, aber was soll’s ? Die Ausstellung und Verlängerung von Lizenzen für Pferdekutschen erfolgt durch die Ayuntamientos (Stadtverwaltungen) und damit sind wir – wie Don Quijote – „mit der Kirche zusammengestossen“, das heisst, hier ist nichts zu machen. Ich hasse die Ayuntamientos nicht grundsätzlich, manche bieten Vorteile, zum Beispiel die, dass die hohen Gebäude für umliegende Strassen Schatten spenden und Tauben und andere Vögel sich oben auf ihnen ausruhen können.

Jedes Jahr beklagen sich bei uns Hunderte von Touristen über die Pferdekutschen, sie verstehen nicht, wie wir eine solche Barbarei zulassen können. Manche kennen Pferdekutschen von zuhause und mieten sich deswegen auch bei uns welche. Sie glauben, dass unsere Pferde physisch und psychisch denen in ihren Ländern, zum Beispiel in der Schweiz, ähnlich sind. Sie steigen ein, steigen aber nach zehn Minuten wieder aus, zahlen den Fahrpreis und verzichten auf den Rest der Fahrt, weil sie gemerkt haben, in welch schlechtem Zustand das Pferd ist und unter welchen Bedingungen es arbeiten muss. Andere merken das nicht, würden aber genauso handeln, wenn sie wüssten, wie die Pferde leben und arbeiten. 114913D5-AB08-4FEF-93BE-16BC7CC00C62

Es gibt auch Leute, die sehen sofort die müden und resignierten Gesichter der armen Tiere, und wie sie unter der Sonne leiden. Sie mieten keinerlei Pferdekutschen, sondern wenden sich direkt an uns mit der Bitte, etwas gegen dieses Übel zu tun. Ich antworte ihnen immer das gleiche: sie sollten nach ihrer Rückkehr nach Hause an das Ayuntamiento schreiben und damit drohen, dass sie nie mehr wiederkommen, wenn sich die Zustände nicht besserten.

Uns gegenüber stellt sich die Stadtverwaltung tot, und die Leute, die wir wegen Tierquälerei anzeigen, gehen frei aus. Für jemand, der an Reinkarnation glaubt, wird ein Mistkäfer bestimmt in seinem nächsten Leben Stadtbürgermeister und klettert von dort die Karriereleiter aufwärts.

Vor kurzem hat unsere Asociación CYD Santa María zusammen mit dem Refugio del Burrito die Stallungen angeschaut, in denen die armen Kutschpferde von Málaga die Nacht verbringen. Der Anlass war die geplante Verlegung der Tiere von ihrer jetzigen Behausung an einen Platz in einem Industrieviertel, ein Standort mit noch längeren Wegen zur und von der Arbeit, vorbei an unzähligen Ampeln, in dauerndem Stop and Go, und von dem aus die Pferde morgens schon völlig erschöpft an ihrem Arbeitsplatz – auch dieser natürlich in der Sonne – ankommen würden. Der geplante Standort leidet zudem unter eine Plage von Tiger-Mosquitos. IMG_0534

Die Möglichkeit zu dieser Inspektion verdanken wir der Verkehrsabteilung der Stadt Málaga, deren Personal, obwohl sogar ein kleines Budget zur Verfügung stand, nicht mehr ein noch aus wusste. Uns war klar, dass eine sachgerechte Lösung der Aufgabe möglich war, und dass durch die Notwendigkeit der Mitarbeit von Veterinären und Experten für Kutschwagen, Geschirr, die Wohlfahrt der Tiere etc. unsere beiden Vereine finanziell stark belastet werden würden.

Wir wurden aber plötzlich von der Ankündigung einer anderen Abteilung des Ayuntamiento in der Presse überrascht, dass die Kutschpferde auf jeden Fall an den neuen Platz überführt werden würden und dass es kein Zurück von dieser Entscheidung gebe. Ich weiss nicht, ob diese Bekanntmachung der schlechten Informationspolitik der Verwaltung, ihrer Unfähigkeit zu vernünftigen Entscheidungen, oder aber dem Interesse geschuldet war, ein paar Millionen Euro in die Konstruktion von neuen Ställen zu investieren (wobei das Interesse der Verwaltung dabei natürlich ausschliesslich auf das Wohl der Tiere gerichtet sein würde – dass ich nicht lache  ! Aber wie gesagt, das ist meine persönliche Meinung und ich könnte mich vielleicht doch irren … hmmm !)

Wie in allen Gremien gibt es bei den Kutschern von Málaga gute und schlechte Menschen. Einerseits bitten uns die Kutscher über ihren Präsidenten verzweifelt um Hilfe. Ihr Lebensunterhalt hängt von ihren Pferden ab und die allermeisten behandeln die Tiere gut und tun alles für ihr Wohlergehen. Die wenigen anderen, die das nicht tun würden, stehen unter der Kontrolle der Mehrheit. Andererseits aber sind die Ställe in unsäglich schlechtem Zustand – die Verwaltung hat seit vielen Jahren nichts für sie getan und Reparaturen müssen, obwohl die Ställe auf städtischem Gelände stehen, von den Kutschern selbst bezahlt werden. Sie bitten das Ayuntamiento seit Jahren um die Beschattung der Warteplätze in der Stadt und hoffen auf unsere Unterstützung in diesem Punkt. IMG_0537Kein Kutscher will sein Pferd in der Sonne stehen lassen, wenn nicht schon aus Liebe zu ihm, dann doch aus der Überlegung heraus, dass ein Pferd mit einem Hitzschlag nicht arbeiten kann. Auch hier liegt die Entscheidung beim Ayuntamiento, das aber die Einrichtung von Schattenplätzen mit der Begründung ablehnt, Dächer oder Sonnensegel störten oder verschandelten die Fassaden der Häuser. (Málaga ist zur Zeit durch die Bauarbeiten der Untergrundbahn, durch zusammenfallende wichtige Gebäude und durch Bemalung von Wänden mit Graffiti so unendlich schön, dass diese Idylle wohl nicht durch Schattendächer für Kutschpferde gestört werden soll).

Ich bin fest überzeugt, dass heutzutage, inmitten des Verkehrsgewimmels, Reminiszenzen an Transportmittel vergangener Jahrhunderte unangebracht sind und Pferdekutschen keinerlei praktischen Nutzen stiften oder gar moralisch zu rechtfertigen sind. Das völlige Fehlen an Kontrolle und jährlichen Inspektionen durch die Behörden, die dysfunktionalen Arbeitszeiten und satte vierzig Grad Hitze besorgen den Rest. Häufig meldet die Presse „Pferd einer Touristenkutsche tot …“, das scheint die Verantwortlichen nicht zu stören. Doch die Einwohner von Málaga rufen uns an, und das beweist, dass sie sich des Problems immer mehr bewusst werden. An wem liegt es also ? Ach, ich habe das Ayuntamiento ja ganz vergessen !

Natürlich kann man die „Attraktion“ Pferdekutschen nicht einfach abschaffen, denn an ihnen hängt der Lebensunterhalt von Familien, manchmal während ihres ganzen Lebens, und wo soll man dann mit den vielen Pferden hin ? Was aber noch weniger Sinn macht, ist die Aufrechterhaltung und gar Vermehrung von Lizenzen sowie die Vernachlässigung der Ställe, die nicht nur den Pferden schaden, sondern die gesamte Nachbarschaft und den Tourismus insgesamt in Mitleidenschaft ziehen, ganz abgesehen von der Konsolidierung unseres Rufs in Europa als „Barbaren der Tierhaltung“. 1A7D1251-116C-46B5-8246-E26745273D30

Ich frage mich – und so habe ich es neulich dem Bürgermeister gesagt – wäre es nicht einfacher, den Kutschern anzubieten, sie zu Angestellten der Stadt zu machen, wenn sie ihre Lizenzen zurückgeben ? Damit wäre mit diesem Unsinn Schluss !

Ich verstehe nicht viel von Politik, auf jeden Fall weniger als die Dutzende von spanischen Politikern, die im Gefängnis sitzen oder darin gesessen haben. Der Bürgermeister sagte mir jedenfalls, das sei nicht möglich. An den Grund erinnere ich mich nicht. Das ist meine Schuld, denn wenn ich mit einem Bürgermeister spreche, schalte ich nach fünf Minuten ab, das liegt an dem Anti-Dummheitsmodul,  mit dem mein Stammhirn ausgestattet ist. Komischerweise sind die Ayuntamientos voll mit „Freunden und Familienangehörigen“, die anscheinend für ihre Arbeitsplätze voll qualifiziert sind, während Leuten, die seit vielen Jahren bei der Verlängerung ihrer Lizenzen von den Vorschriften der Verwaltung abhängen, wie unsere „Taxis mit tierischem Antrieb“ – letztlich sind wir alle als Autofahrer, sogar die Radler, betroffen – solche Möglichkeiten nicht geboten werden.

Jeder hat hier seine Meinung, aber eins scheint klar: Das Ayuntamiento bekommt ein Problem, wenn es sich uns und allen anderen Tierschutzorganisationen in Málaga weiterhin verweigert. Wir werden nicht zulassen, dass die Tiere an einen noch ungeeigneteren Standort als den jetzigen umgesiedelt werden und werden nicht dulden, dass sie weiterhin unter den jetzigen miserablen Bedingungen dahinvegetieren müssen.

Es ist, wie bei Vielem, nur eine Frage der Zeit. Vor nur zweihundert Jahren, das sind drei Lebenszeiten eines Menschen, wurde zuletzt ein Straftäter öffentlich hingerichtet, und heute, nach so kurzer Zeit, können wir uns so etwas überhaupt nicht mehr vorstellen. Bei den Pferdekutschen wird es genauso sein. Früher oder später werden sie verschwinden, denn die Pferde, die unsere Städte mit aufgebaut haben und ohne die die Menschen heute nicht das wären, was sie sind, haben keinen Platz mehr in ihnen.

Ich lade alle, die Lust haben, zu einem Besuch des jetzigen Übernachtungsortes der Pferde ein, damit sie sehen, wie es diesen dort ergeht. Doch bitte nehmen Sie sich ein paar Fächer und einige Flaschen „Anti-Alles“ mit.

Die Situation würde sich grundlegend ändern, wenn (1) die Verwaltungen ihrer nicht nur politischen, sondern vor allem moralischen Verpflichtung nachkämen, die Pferdeställe der Kutschpferde so umzugestalten, dass diese sich nachts ausruhen können, wenn (2) die Verwaltungen mehrmals im Jahr die Pferde und ihre Ausstattung überprüfen und allen denen, die ihre Tiere nicht wie geboten behandeln, die Lizenz entziehen würden, wenn sie (3) Schattendächer auf den Warteplätzen aufbauten und (4) die Kutscher zur strikten Beachtung der vorgeschriebenen Arbeitszeiten für die, die „den Karren ziehen“, anhalten würden.

Aber es gibt ja angeblich immer wichtigere Sachen zu tun, eigentlich will niemand die Verantwortung übernehmen. Es gab einen ersten, oben beschriebenen Schritt der Verkehrsabteilung. Wir haben unseren Teil beigetragen, er hat viel Geld und Anstrengung gekostet. Das Ergebnis der Arbeit schildere ich nächstes Mal, es ist wert, berichtet zu werden. Ich ahne schon etwas… es werden noch Wetten angenommen ! Wird die Stadtverwaltung diesmal das Richtige tun ?

Wir bekommen ständig Post von Leuten aus Andalusien und dem übrigen Spanien, mit der wir um Hilfe gebeten werden, und im Netz kursieren ähnliche Petitionen wie diese beiden:
https://www.change.org/p/dirigida-a-francisco-de-la-torre-prados-condiciones-dignas-para-los-caballos-de-m%C3%A1laga
und
https://www.change.org/p/junta-de-andaluc%C3%ADa-retiren-los-coches-de-caballos-para-pasear-turistas-de-toda-andaluc%C3%ADa
Wie wird das Ganze ausgehen, wir sind gespannt.  Ayuntamientos gegen Bürger, Kutscher und Liebhaber der Tiere ! Wollen wir wetten ?

concordia cyd